Wider die Hausmeister des öffentlichen Diskurses – Zur Zeit-Debatte über das Internet
Mai 28, 2009

Stoppschild-Rhetoriker versus Internet-Freigeister
Ich habe selbst vier Kinder und weiß, wie wichtig es ist, solche Kriminellen hinter Gitter zu stecken. Hausmeister-Verbotsschilder im Internet sind dafür nicht nötig. Sind Freigeister auf eine Stufe zu stellen mit den Finanzjongleuren und Heuschrecken, die sich jede Einmischung ahnungsloser Politiker verbitten? Gab es denn keine Einmischung des Staates in Finanzgeschäfte, Herr Wefing? Fragen Sie doch mal die Vorstände der Landeszentralbanken, der KfW, der FED. Fragen Sie die Herren Clinton und Schröder, welche Maßnahmen zur Ausbreitung fauler Kredite und zu den Heuschrecken-Attacken in Deutschland führten.
Sie können ja schreiben und denken was Sie wollen. Das Internet bekommen Sie nicht mehr in den Griff mit Kontrollen, Hierarchie, Befehlsfluss, Plänen und Regeln. Was können Sie tun gegen einen Lebenssinn, der sich an Bartleby, einer Romanfigur von Hermann Melville anlehnt: „I would prefer not to.“ Oder wenn man die Lebensweisheit des Dadaisten Walter Serner im Kopf hat: „Tüchtig ist, wer nicht gegen die Gesetze sich vergeht. Tüchtiger, wer sich nicht auf sie verlässt. Am Tüchtigsten, wer immer wieder daran sich erinnert, dass nur staatliche Funktionäre sie ungestraft übertreten dürfen“.
Hinter dem Internet steht keine Ideologie und auch kein Masterplan. „Das Internet ist nicht mehr und nicht weniger als das Internet. Aber es hat den Menschen ein außergewöhnlich effizientes Kommunikationsinstrument in die Hand gegeben, Menschen, die so lange ignoriert wurden und unsichtbar waren, dass sie erst einmal ausprobieren, was sie damit anfangen können. Sehr amüsant: Ohne Gesetz, ohne Plan, ohne Management finden sie viel schneller als Regierungsbehörden, wissenschaftliche Institute, Medienkonglomerate und Erfolgsunternehmen heraus, welche Möglichkeiten das Internet bietet“, so die Autoren des Cluetrain Manifestes Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls und David Weinberger. Und genau das macht die Wefings und Co. so nervös. Entspannt Euch doch einfach, lehnt Euch zurück, ändern könnt Ihr sowieso nichts.
Blättert doch einfach mal die Schriften des Philosophen Odo Marquard durch. Er wählt einen sehr pragmatischen Pfad, den eines ironischen, entzauberten und durch und durch skeptischen Liberalismus, der die Moderne annahm und bekräftigte, ohne sonderlich viel von ihr zu erwarten.
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1.
Raffi | Mai 28, 2009 at 4:36
In der selben Ausgabe der Zeit hat auch Gero von Randow eine herrliche Replik geschrieben über die verkalkte Geistesaristokratie: Hinter der Wut auf das Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf. Ergänzen könnte man auch: Die Angst vor Kontrollverlust und Macht.
2.
gunnarsohn | Mai 28, 2009 at 4:39
Stimmt. Hier der Link zum Artikel von Randow: http://www.zeit.de/2009/23/Internet-Freiheit
3. Internetsperren 28.05.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk | Mai 28, 2009 at 6:24
[...] Gunnarsohn’s Weblog: Wider die Hausmeister des öffentlichen Diskurses – Zur Zeit-Debatte über das Internet [...]
4.
gunnarsohn | Mai 28, 2009 at 7:23
@ Raffi hier noch ein Randow-Zitat: Hinter der Wut auf das „Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf: Über alles das ließe sich friedlich reden. Doch was sollen die Anspielungen auf Nazismus und Kommunismus, die der Autor sich nicht versagt? Es ist schon seit einiger Zeit auffällig, dass dieses Thema unter Journalisten starke Gefühle weckt. Man könnte meinen, dieser Netzwut läge Angst zugrunde. Vor der Umstellung auf einen Journalismus, der nicht nur für die Leser, sondern auch mit den Lesern arbeitet. Angst auch vor den jungen, unterbezahlten Internetkollegen, die so viele andere Sachen können als der eingesessene Printkollege und noch dazu glauben, die Arbeitsmittel der Zukunft auf ihrer Seite zu haben. Fragt sich nur, ob die Erregung wirklich bloß arbeitspsychologisch zu erklären ist. Dagegen spricht, dass sie auch solche befeuert, die nichts zu befürchten haben. Nein, da ist mehr….“
5.
Björn Behrendt | Mai 29, 2009 at 10:10
Zudem beitet das Internet unzählige Möglichkeiten für die Nutzer, sprich Weltbürger, sich zur Wehr zu setzen und das System selbst zu reinigen. Ist man bei Handtaschendiebstählen auf der Straße ausnahmslos auf den Rechtsstaat und die Polizei als Freund und Helfer angewiesen, so lassen sich durch Gruppendynamiken und „Verstoß-melden-Funktionen“, wie wir sie auch in der Wissens-Community hiogi.de nutzen schnell unsittliche Inhalte bereinigen. Dies soll kein Plädoyer für Selbstjustiz oder einen rechtsfreien Internetraum sein aber das Internet ist eine so mächtige Ansammlung von mitdenkenden und agierenden Menschen, dass hier das Thema „Bürgerwehr“ und freie Meinungsäußerung ganz andere Bedeutung hat als in der „alten Welt“. Es ist unumstritten, dass Gesetze und der Rechtsstaat auch im Internet gelten und meiner Meinung nach müssen Interpol, BND und CIA noch viel mehr investieren in das Auffinden von kriminellen Machenschaften im Internet aber es zwecklos und sinnlos aus Angst vor der explodierenden Vernetzung diese strengen Regeln zu unterwerfen. Sicherlich birgt das Mitmach-Web auch große Gefahren, was Persönlichkeitsrechte oder den Schutz vor Kinder angeht. Die Dynamiken und Kräfte im WWW werden jedoch positiv wirken und Einzelfälle und schwarze Schafe gibt es überall. Zum Glück ist die Mehrheit der Menschen „basically good“.