Posts filed under 'Bildung'
Wähle die vodafonistische Worthülse einer neuen Zeitrechnung!
In der Wochenzeitung „Die Zeit“ beklagt der Politiker Gregor Gysi den Niedergang der Redekunst. In der Antike stand die Rhetorik noch in einem hohen Ansehen. Zu den Lehrmeistern zählt Gysi den Platon-Schüler Aristoteles, der mit seiner Rhetorik das bis heute folgenreichste Lehrbuch einer rhetorischen Argumentationstheorie schrieb und ihre Aufgabe darin bestimmte, „nicht zu überreden, sondern zu untersuchen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist“. Das war einmal, glaubt Gysi. An dem Verfall der Rhetorik sollen wieder einmal die Medien Schuld sein. Besonders das Fernsehen und seine Dramatisierung des optischen Erscheinungsbildes. Wie sitzt die Krawatte, wie sitzt sie nicht, wie sieht der Mann aus? Finden wir nirgendwo athenische Rhetoren?
Für den Bundestag mag das stimmen, Herr Gysi. Aber Sie kennen eben noch nicht die Generation upload, die beides vereinen kann. Eine gut sitzende Krawatte, einen maßgeschneiderten dunklen Anzug und rhetorische Brillanz. Gemeint sind die Meister des vodafonististischen Neo-Dadaismus. Sie sind die Wegbereiter einer neuen Stilkunst der Web 2.0-Prosa. Die schönsten Formulierungen des vodafonistischen Rhetorik-Manifestes stehen zur Auswahl für die Worthülse des Monats Juli. Und da wir am Beginn eines Epochenwandels stehen, halte ich es nicht für untertrieben, von der Worthülse einer neuen Zeitrechnung zu schreiben.

Systemische Stilkunde für Vodafonisten
Vodafonistische Hintergrundinfo.
Erklärung zur kopernikanischen Wende (nicht die Erde ist der Zentralkörper des astronomischen Weltsystems, sondern knallrot angestrichene Zentren der Gesprächskultur)
Erklärung zu Nichtkunden an uns binden (Gesetz der Chemie: Nichtkunden als Oxidationsmitel, nehmen Elektronen auf und sind negativ geladen, Reaktion mit Bestandskunden als Reduktionsmittel, geben Elektronen ab, sind postiv geladen – Ergebnis: Spannung)
7 comments Juli 17, 2009
Superlernen, die Rattenfänger der Neuroökonomie und warum Gehirnjogging Unfug ist: Wenn die Birne leuchtet, lernen wir nicht besser – Ein Profihirn zeigt wenig Aktivität
Anders sehe es mit der instrumentellen Konditionierung aus. Hier würde man Verhaltensweisen und Erfahrungen auf nachhaltige Vorteile überprüfen. Es handele sich um Rückkopplungs-Lernprozesse. „Man kann mit einem Bestrafungsparadigma sehr schnell einen Lernprozess in Gang bringen und auch zu einem asymptotischen Niveau bringen, also einem hohen Niveau, wo diese Aufgabe gelöst wird. Das ist jedem geläufig: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Das geht wahnsinnig schnell. Nur will man mit dieser Erkenntnis nichts mehr zu tun haben, weil man unangenehme Erfahrung damit verbindet. Macht man das Ganze aber mit Belohnungslernen, geht die Sache zwar viel langsamer und führt aber auch zu demselben Niveau“, führt Scheich aus.
Mit einseitiger Belohnung oder Bestrafung könnten die Ergebnisse nie hundertprozentig werden. „Das heißt also, Sie können noch so sehr belohnen, es bleibt immer eine Differenz zu einer optimalen Performanz übrig. Eine Restdifferenz von Nichtvertrauen, die das Ganze immer gefährdet. Sie können diese Belohnungen weglassen, und das Hirn merkt sich wahnsinnig schnell, dass kein Vorteil mehr bei der Sache besteht, das könnte beispielsweise passieren, wenn irgendwas mit mehr Vorteilen kommt oder wenn Zweifel daran aufkommen lässt, dass die Belohnung überhaupt eine Belohnung war. Dann gibt es eine Extinktion, das heißt also das Verhalten fällt sofort wieder in kurzer Zeit auf Null zurück. Interessant ist bei der ganzen Betrachtungsweise, dass die Mischung von Belohnung und Bestrafung, das heißt Vorteile und Nachteile nicht etwa dazu führt, dass die Sache auf Null fällt, sondern zu einem Superlernen führt. Wenn Sie jeden positiven Umgang belohnen und jeden negativen Umgang bestrafen, dann gibt es hundert Prozent Performanz in ganz kurzer Zeit. Man vergisst das praktisch nie mehr. Das ist das perfekte System, um irgendetwas anzutrainieren“, empfiehlt der Neurobiologe. Allerdings müsse es eine positive Bilanz von Belohnungen geben. Wenn diese Art von Dynamik auftritt, dann könne man das Superlernen erreichen.
Wichtig sei auch das interne Belohnungssystem des Gehirns. Es werde der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet. „Das Dopamin hat eine zweifache Wirkung: Es gibt ein gutes Gefühl, wenn Sie Erfolge haben. Der zweite Effekt ist noch viel wichtiger: die Erinnerung. Wir erleben enorm viele Dinge, die wir in unseren Kopf schnüren und nicht alles bleibt im Langzeitgedächtnis haften. Die Umsetzung vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis wird über das Dopamin gesteuert“, so Scheich. Erfolg mache Spaß, da unterscheiden sich Menschen und Mäuse nicht. Dabei könne sich ein Überflieger, der beim ersten Versuch auf die Lösung kommt, genauso freuen wie ein minder Begabter, der mehr Anläufe benötigt. Es komme darauf an, sich die richtigen Ziele zu setzen. „Die Stimmungsaufheller wirken direkt auf die Gedächtnisbildung. Das hilft uns, eine Erfolgsstrategie automatisch abzuspeichern. Der Zusammenhang gilt auch umgekehrt: Wir behalten emotional gefärbte Erlebnisse besser als neutrale. Der erste Schultag, die große Liebe oder der Tod eines Freundes prägen sich uns tiefer ein als jede Mathe-Formel. Wem es auf der anderen Seite gelingt, trockenen Lernstoff mit Emotionen oder Sinn zu verknüpfen, wird ihn besser memorieren. Die Telefonnummer 14921960 etwa setzt sich aus dem Jahr der Entdeckung Amerikas und der Olympischen Spiele in Rom zusammen“, berichtet die Zeitschrift Focus.
Auch ausreichende Ruhepausen zwischen den Lektionen seien für das Funktionieren des Langzeitgedächtnisses unerlässlich. „Inhalte, die dauerhaft in unserem Gehirn verankert werden sollen, erfordern einen grundlegenden Umbauprozess an den Nervenzellen, der mindestens 24 Stunden in Anspruch nimmt. Kommen neue Informationen zu schnell hintereinander, konkurrieren ihre Inhalte und löschen sich aus“, so Focus. „Ohne Pausen“, erklärt Scheich, „wissen die Neuronen nicht mehr, was sie speichern sollen.“ Visueller Müll aus Fernseher und Computerspiel oder aufwühlende Erlebnisse würden das Langzeitgedächtnis blockieren. Was als Ablenkung gedacht sei, kommt im Speicher als Störsignal an.
Warnungen spricht Professor Scheich beim Modethema Neuroökonomie aus: „Man sollte sehr misstrauisch sein gegenüber den Weisheiten, die aus diesem Bereich kommen und zwar insbesondere wenn sie über die Macht der Bilder erzielt werden. Fast alle Medien würden zur Zeit Bilder der Kernspintomographie veröffentlichen. Da taucht ein Fleck im Gehirn auf, also muss das irgendwas bedeuten“, so Scheich. Da gebe es sehr viel Rattenfängerei. Es sei einfach nicht richtig zu glauben, wenn die Birne aufleuchtet und die Aktivierung im Gehirn größer wird, ein besserer Zustand des Gehirns erreicht werde. Im Gegenteil: „Große Aktivierung im Gehirn bedeutet Unsicherheit des Gehirns. Wenn Sie Aufgaben untersuchen, wie sie gelöst werden, von unsicherem Status bis zum Profi, dann finden Sie eine negative Korrelation mit der Größe der Hirnaktivierung. Der Profi setzt eigentlich nur noch seine spezifischen Mechanismen für etwas ein“, so der Hinweis von Scheich. Gehirnjogging mit riesiger Hinaktivierung nachzuweisen, sei Unfug. Die kleine Aktivierung, die beim scharfen Nachdenken von einem Profi produziert werde, das ist die eigentliche Aktivierung, die richtig ist.
2 comments Juli 2, 2009
Chemie-Lernworkshop – Sommerbeschäftigung
Themen der Nachprüfung meines Sohnes im Fach Chemie
1. Ionen
Voraussetzungen:
Ionenbindung, Kationen und Anionen, Ableitung der Verhältnisformeln für Salze, Redoxreaktionen, Elektronegativität;
Themen:
Die galvanische Zelle (Aufbau, Vorgänge), Redoxreihe der Metalle (edel/unedel),
Zink-Kohle Batterie und Alkali-Mangan-Batterie, Blei-Akkumulator.
2. Kohlenstoffatom
Voraussetzungen:
Elektronenpaarbindung, Vierbindigkeit des Kohlenstoffs, Bindungswinkel am C-Atom;
Themen:
Benennung und Bau der Kohlenwasserstoffe, Löslichkeitseigenschaften der Kohlenwasserstoffe im Vergleich zum Wasser; Benennung von Isomeren der Alkane, Alkene und Alkine.
Hat jemand Anregungen für den Workshop, Übungsaufgaben, Literatur, didaktisches Vorgehen etc.?
8 comments Juli 2, 2009
Rüttgers, Kaiser Wilhelm und die Fabrik im Kopf – Der Staat als Museumswächter

Worum es heute geht....hat Rüttgers wohl nicht verstanden

Technikvisionär
„Wenn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers der gebeutelten Medienbranche mit Megafusionen die Rettung vor dem nahenden Untergang verspricht und ein Leben ohne Zeitungen für ‚unvorstellbar’ hält, wird er wohl als Politiker in die legendäre Ahnengalerie von Persönlichkeiten aufgenommen, die sich über die Wirkungen technologischer Zeitenwenden derb verschätzt haben. Wer Millionen von Zeitungsseiten konservieren will, die täglich das Gestern zitieren, mutiert zum Kaiser Wilhelm II, der an das Pferd glaubte und das Automobil nur als vorübergehende Erscheinung abtat“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Harvey Nash in Düsseldorf.

Deutsche Meinungsführer haben immer noch die Fabrik im Kopf

Industriemuseum Deutschland
Das Land der Maschinenbauer, Mechaniker und Laboranten verliere seine industrielle Basis, so die Kulturwissenschaftlerin Heike Grimm. Faktisch macht die industrielle Wertschöpfung heute weniger als 20 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes aus. Daran ändern auch die Lügen von Interessenvertretern der Industrie nichts mehr, das angeblich jeder siebte Arbeitsplatz am Auto hängt. Das Zahlenwerk stammt aus dem Jahr 1980, wie die Zeitschrift Capital eindrucksvoll nachgewiesen hat.
3 comments Juni 23, 2009
Wähle die Worthülse des Monats! Hitliste der Phrasendrescher und Powerpoint-Rhetoriker
Es gibt so viele Ranglisten, Hitparaden, Statistiken über Twitter-Weltmeister, Bücher, Anwälte oder Ärzte. Es fehlt noch ein Votum über die Worthülse des Monats. Eine Liste des Grauens, der rhetorischen Leerformeln, semantischen Umweltverschmutzer, Powerpoint-Schaumschläger, Phrasendrescher und Wichtigtuer.
Wer bei der Umfrage mitmacht und in der Kommentarspalte seine E-Mail-Adresse hinterlässt, nimmt an einer Verlosung teil unter nicht-notarieller Aufsicht meiner Kinder: Der Gewinner bekommt das Buch „Best of Bullshit“ von Hans Rudolf Jost (Orell Füssli Verlag). Der Jahressieger erhält Ende Dezember die Kurt-Tucholsky-Ehrenurkunde.
Bitte schickt mir Vorschläge, welche Worthülsen im nächsten Monat aufgenommen werden sollen!
14 comments Juni 17, 2009
Die letzte Schlacht der analogen Welt
Mit dem „Heidelberger Appell“ und dem „Fair Syndication Consortium“ formieren sich Federkiel-Intellektuelle und Verleger, um das OpenAccess-Prinzip des Internets zurückzudrehen. Im Zentrum der Empörungswelle steht vor allem Google. Die Revolte erinnert ein wenig an die hilflosen Versuche der Musikindustrie, Tauschbörsen und mp3-Download-Piraterie mit, Kopierschutztechniken, strafrechtlichen Abschreckungsmaßnahmen und Abmahnterror in den Griff zu bekommen. Wenn die Musikbranche ihre Energie und Kreativität statt in Juristen eher in Marketing und Innovationen gesteckt hätte, dann wäre es ihr selbst gelungen, sich neu zu erfinden und nicht Apple. Denn mit der Plattform iTunes und den coolen Endgeräten ist es Steve Jobs gelungen, gigantische Umsätze zu machen.
Statt über Urheberrechts-Attacken gegen die Google-Ökonomie zu sinnieren, sollten Verleger, Wissenschaftler und Schriftsteller sich lieber Gedanken machen, wie man im Internet attraktive Geschäftsmodelle kreieren kann. Darauf hat der Billing-Experte Omar Khorshed von der Düsseldorfer Firma acoreus schon vor Jahren hingewiesen. „Viele Firmen sind nicht in der Lage, massenfähige Produkte mit attraktiven, einfachen und kostengünstigen Billingangeboten zu etablieren“, mahnte Khorshed. Hier werden die meisten Fehler gemacht. Wenn Verlage in Bezahldatenbanken pro Artikel zwei bis sechs Euro verlangen, haben sie den Schuss eben noch nicht gehört.
Medienprofessor Jeff Jarvis hat das in seinem Buch „Was würde Google tun“ treffend beschrieben. Das Knappheitsmodell der Wirtschaft und damit die Kontrolle über Inhalte haben ausgedient. Google hatte eben frühzeitig den Instinkt, Plattformen und Netzwerke zu schaffen, statt Inhalte zu kaufen oder zu produzieren.
Warum sollte es nicht möglich sein, auch Bücher über Anzeigen zu finanzieren? Jarvis verweist in seinem Buch auf den googeligsten Autor, denn er kennt: Paulo Coelho. Er glaubt, dass die Raubdrucke seiner Bücher in russischer, japanischer, norwegischer oder serbischer Sprache ihn zum meist übersetzten lebenden Autor gemacht hat. Die Raubdrucke waren derart hilfreich, dass Coelho auf seiner eigenen Homepage Links dazu einrichtete.
Wenn ein Coelho-Buch in Druck geht, wird mit dem Verlag auch über zahlreiche digitale Alternativen gesprochen. Beispielsweise sein Werk in voller Länge einige Wochen vor seiner Veröffentlichung ins Internet zu stellen, Auszüge in Serie für eine gewisse Zeit online zu veröffentlichen, kostenlose Videoausgaben herzugeben und vieles mehr. Seinen Blog nutzt der Schriftsteller, um seine Leser in seinen Schaffensprozess einzubeziehen und für Recherchen zu befragen – etwa zum Thema Mode und die Anziehungskraft von Markennamen. Coelho twitter sogar. „Er benutzt einen ausklappbaren Camcorder, um Fragen für sein Publikum aufzuzeichnen und sie über Seesmic.com, eine Video-Gesprächsplattform, online zu stellen“, so Jarvis. Coelho bat seine Leser sogar, einen seiner Romane zu verfilmen und Sponsoren zu suchen, um das Projekt zu finanzieren. Online verfolgt er sehr erfolgreich die Absicht, Beziehungen zu mehr Lesern aufzubauen und mehr Bücher zu verkaufen. Daran sollten sich die Unterzeichner des Heidelberger Appells ein Beispiel nehmen. Sie sollten Google nicht wie einen Feind behandeln, sondern als Verbündeten einsetzen. Denn über Google entdecken immer mehr Leser über Suchanfragen und Links neue Autoren. „Autoren erreichen hier einen immens großen Teil des Publikums, der niemals einen Buchladen betreten würde. Für Verleger und Autoren eröffnen sich neue Wege, Bücher ins Gespräch zu bringen“, resümiert Jarvis. So wie es Beispiel der Bonner Bernstein Verlag auf Facebook praktiziert.
4 comments April 27, 2009
Schickt die MBA-Absolventen in Rente: Unternehmer braucht das Land
Business-Schools sind überteuert, der Unterricht weltfremd, die Absolventen versagen in Serie. Jetzt bricht der Arbeitsmarkt für MBAs weg – völlig zu Recht, meint der Management-Experte und Buchautor Alexander Ross in einem Beitrag für die Zeitschrift GDI Impuls.
Nach der Blase an den Finanzmärkten werde auch die an den Business-Schools platzen. Von 2010 an werden massenhaft MBA-Absolventen auf einen Arbeitsmarkt treffen, auf dem sie praktisch nicht mehr nachgefragt werden. „Die Business-Schools sind überteuert, der Unterricht weltfremd, die Forschung schmalbandig, und die MBA-Absolventen versagen in Serie“, so Ross. Ein MBA verwalte, würde aber nichts unternehmen. So weisen die Business-School-Experten Stuart Crainer und Des Dearlove darauf hin, dass MBA-Absolventen bei erfolgreichen Unternehmensgründungen auffallend unterrepräsentiert sind. Wenn sie selbstständig seien, dann meist mit einem Beratungsunternehmen. „Wir dürfen die Welt der Ökonomie nicht den Business-Administratoren, nicht den Verwaltern überlassen“, sagt denn auch Günter Faltin, Professor für Wirtschaftspädagogik an der FU-Berlin. Er weiß, wovon er spricht, denn seit 20 Jahren ist er erfolgreicher Unternehmer, beispielsweise mit der Teekampagne. „Für Faltin ist die MBA-Vorherrschaft ein Unding. In seinem neuen Buch ‘Kopf schlägt Kapital’ – Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen’ zeigt er, was in Krisenzeiten immer benötigt wird, damit es wieder vorwärtsgeht: Unternehmer, nicht Verwalter“, schreibt Ross.
Die Business-Schools sind mit ihrer Ideologie, mit ihrer Geisteshaltung und ihren Werkzeugen gescheitert. Sie sollten sich zur Verantwortung an der Wirtschaftskrise bekennen. Wer eine Schlacht verliert, hat unrecht mit seiner Strategie, Operation oder Taktik. Beim MBA-Studium mangelt es an dieser Einsicht noch heute, resümiert Ross.
Weitere Themen von GDI Impuls u.a.:
KLASSE-BEWUSSTSEIN FÜR MANAGER (von Dagmar Deckstein)
Nur mit einer Rückkehr zu alten kaufmännischen Werten können Manager ihre Welt, und unsere Wirtschaft, noch retten.
Die angestellten Manager an den Spitzen der Konzerne ruinieren gerade ihren Ruf und laufen Gefahr, nicht mehr ernst genommen zu werden. Neues Vertrauen kann durch die Rückkehr zu alten Werten aufgebaut werden – etwa dem jahrhundertealten Leitbild des ehrbaren Kaufmanns. Auch eine kollektive Verpflichtung könnte Abhilfe schaffen, etwa ein Gelöbnis, ähnlich dem hippokratischen Eid der Ärzte.
BÜROS IN BEWEGUNG (von Detlef Gürtler)
Bei der Telekom-Forschungseinrichtung T-Labs wird nicht der Mensch, sondern der Arbeitsplatz mobil. Und das Büro steckt in der Hosentasche.
Statt der Menschen kann auch der Arbeitsplatz mobil gemacht werden. Mit dem Konzept des Büros in der Hosentasche kann das komplette Arbeitsumfeld auf einem USB-Stick deponiert und überall, jederzeit und sicher aufgebaut werden. Das erfordert allerdings den gedanklichen Abschied von der Festplatte: Wer überall auf seine vertraute Umgebung zugreifen will, darf nichts mehr lokal speichern. In Konzernen wird der Arbeitsplatz nicht so sehr über Sticks mobil als über Identitätsnachweise wie Karten, die nicht nur Software und Speichermedien individuell zuweisen, sondern auch individuelle Konfigurationen wie gewünschte Beleuchtung oder persönliche Kurzwahltasten beinhalten.
„WARUM BAUEN AUTOBAUER KEINE FAHRRÄDER?“ (Gespräch mit Tim Renner)
Welche Parallelen es zwischen den Strukturkrisen von Auto- und Musikindustrie gibt und was die Auto-Hersteller daraus lernen können.
Die Autoindustrie arbeitete bislang nach einem ähnlichen Modell wie früher die Musikindustrie. Beide Branchen kombinieren Bedarf mit Status – und bei beiden war der Status traditionell an die Hardware gebunden. Mit teureren Produkten kann der Kunde höheren Status erwerben und der Anbieter bessere Wertschöpfung erzielen. Bis der Markt kippt: in der Musikindustrie vor zehn Jahren, in der Autoindustrie jetzt. Die Musikbranche wandelt sich von einer hardwaregetriebenen Branche zum Anbieter von Entertainment-Leistungen, die Autobranche muss dazu übergehen, statt Hardware zu verkaufen, den Bedarf nach Individualmobilität zu befriedigen. Gleichzeitig das alte Geschäftsmodell herunterzufahren und ein neues aufzubauen, kann nur finanzieren, wer im alten System stark genug ist.
Add comment April 15, 2009
VWL-Mechaniker und Ex-post-Prognostiker in der Sinnkrise
In einigen Blog-Beiträgen habe ich mich nun mit dem Niedergang der Ökonometriker, Zahlendreher, Makroklempner und VWL-Mechaniker auseinandergesetzt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat nun eine Typologie der Wirtschaftswissenschaftler nach dem Finanzcrash erstellt. „Anfang 2008 war die Welt nämlich noch in Ordnung. Die Ökonomen sprachen von einer Abkühlung im Jahr 2009. Ein Wachstum von 1,2 Prozent, 1,5 Prozent, 1,8 Prozent sei zu erwarten, hieß es damals, aber weiß Gott keine Rezession, nicht einmal Stagnation. Ach ja. Dann kam die Krise – und mit ihr wurde offenbar, wie sehr die professionellen Prognostiker in Deutschland danebengelegen haben“, so die FAS.
Die Ökonomen würden verschreckt reagieren: „Die einen geben sich zerknirscht, die anderen behaupten, alles immer schon gewusst zu haben. Letztere nerven besonders. Denn wenn sie tatsächlich schon in ihrer Doktorarbeit vor fehlender Bankenregulierung gewarnt haben, so fragt man sich, wieso sie nicht all ihre Macht und Prominenz eingesetzt haben, die Öffentlichkeit zu warnen“. Nach meinem Eindruck sind die Zerknirschten zumindest in der Öffentlichkeit nicht sehr dominant. Die meisten wollen doch so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen und jetzt analysieren, was sowieso schon bekannt ist. Es sind halt Ex-post-Prognostiker, die sich mit den Analysten zusammentun können. Letztere wissen können auch erst ihre schlauen Reden führen, wenn ein Unheil eingetreten ist. Tun aber so, schon immer alles vorher gewusst zu haben.
Wirtschaftsforscher Snower ist einer der wenigen, die zu einem radikalen Umdenken auffordern. Ein Richtungswechsel in einer bislang hochnäsigen Wissenschaft, die gern den „Siegeszug des ökonomischen Paradigmas in alle Wissenschaften“ verkündete. Jetzt sollten die Ökonomen von ihren einst geschmähten Kollegen lernen, findet er. „Erkenntnisse vor allem aus den Neurowissenschaften, aber auch aus Psychologie und Anthropologie müssen herangezogen werden, um die Annahmen über menschliches Verhalten realitätsnäher zu machen.“ Mathematische Formeln und Ceteris-paribus-Modellrechnungen sind schon immer Rationalitätsmythen gewesen. Der heute in Ungnade gefallene Begründer der marktwirtschaftlichen Idee, Adam Smith, war davon weit entfernt: Er war Moralphilosoph, politischer Ökonom, Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Rechtstheoretiker, Geschichtsphilosoph, Sprach- und Literaturwissenschaftler sowie Kunsttheoretiker. Also alles andere als ein Fachidiot, der sich hinter irgendwelchen Rechenmodellen versteckt, die niemals die komplexe und widersprüchliche Welt abbilden oder politische Krisen, bahnbrechende Erfindungen, Meinungstrends oder Katastrophen vorhersagen können. Besonders fragwürdig sind jene Wirtschaftswissenschaftler, die ihre Profession mit der Naturwissenschaft auf eine Stufe stellen. Diese Gruppe soll zur Zeit dominieren. Für mich sind es VWL-Mechaniker, die einem Weltbild nachlaufen, wie es der Engländer Thomas Hobbes vertrat. Er machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. Die Rechenschieber-Fraktion in der Wirtschaftswissenschaft ist von diesem Theoretiker des politischen Absolutismus nicht weit entfernt.
Siehe auch: Narren, Krise, Konjunktur und Schwarz Löcher, Enzensberger, Kontrollfreaks,, Prognosemist, Weltuntergangsstimmung, Krisenmanager
1 comment April 5, 2009
Tagebuch der Bibliophilie
Ich kann dieses emphatische Bekenntnis des Antiquars Rainer Friedrich Meyer nachvollziehen. In Zeiten von Amazon, ZVAB oder Wikipedia sollte man die Tempel für gute Bücher hegen und pflegen. Oder anders ausgedrückt mit den Worten des Philosophen Odo Marquard: „Je mehr Zukunft modern, für uns das Neue, das Fremde wird, desto mehr Vergangenheit müssen wir in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes auskundschaften und pflegen“. Eine Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes. Die Tempelritter unserer Zeit sind leidenschaftliche Buchhändler und Antiquare. Zu ihnen zählt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom die Buchhandlung Tropismes in Brüssel, Laie in der Pau Claris in Barcelona, Knesebeck Elf in Berlin (bei meinen Berlin-Aufenhalten versuche ich immer, dort hinzugehen), Felix Jud in Hamburg, Klaus Bittner in Köln,

Schreibwerkstatt
Das Resultat dieser literarischen Streifzüge ist immer gleich: „Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein – ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird“, so Nooteboom.
Die Standardfrage beim Betrachten voller Bücherregale ist immer die gleiche. Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen??? Der Schriftsteller Umberto Eco antwortet darauf: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene“.

Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Auch er macht sich ab und an Gewissensbisse, weil er einige Bücher nicht nicht gelesen hat und stößt dabei auf ein überraschendes Phänomen: Wir nehmen eines dieser vernachlässigten Werke zur Hand, blättern es durch und entdecken, dass wir schon fass alles kennen, was darin steht.

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm
Alle diese drei Erklärungen wirken zusammen, um uns jene Seiten vertraut zu machen, die wir, strenggenommen, nie gelesen haben. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandert Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch.
Sie besuchten Schors’ Antiquariat - Spezialgebiet Esoterik in all ihren Verzweigungen – das Herzstück von Ecos Sammlung und das Fundament für die Romane „Im Namen der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“. Der letzte Besuch galt der Bibliotheca Hermetica Rosicruciana in der Lauriersgracht. Es war ein Nachmittag der drei Kanäle, Amsterdam war wie verzaubert, berichtet Nooteboom: „Hier wurde nicht verkauft, jegliches Geschäftsdenken war verbannt. Die Bücher, Manuskripte, Inkunabeln, illuminierten Kodexe hatten von den Räumen Besitz ergriffen, die versammelte gnostische Weisheit, kabbalistische Berechnungen, chymische Hochzeiten und Geheimlehren verbreiteten ein ohrenbetäubendes Schweigen.“
Nooteboom sah Eco in offensichtlicher Erregung an den Regalen entlanggehen. Plötzlich drehte er sich um und fragte: „Haben Sie keinen Athanasius Kircher?“ Es folgte Schweigen und dann sagte Frau Ritman, die Frau des Besitzers: „Aber Mister Eco, Kircher war ein Jesuit und ein Feind der Rosenkreuzer.“ Das sei keine wissenschaftliche Einstellung, entgegnete Eco und fügte stolz hinzu: „Ich besitze zweiundzwanzig Kirchers!“ Eco ist ein bibliophiler Jäger und Forscher. Spuren davon kann man im Foucaultschen Pendel finden. Es beschreibt den Wahn von drei Lektoren, die zugleich Wissenschaftler sind und einen gigantischen Geheimplan ausbrüten. Ein Spiel von Wahrheit und Schein, gespickt mit Geheimlehren, kabbalistischen Permutationen, historischen Daten, gnostischen Initiationen und Zahlenkombinationen.
Aus den antiquarischen Streifzügen ist eine Bibliothek entstanden als Ort der Forschung, Andacht, Überraschungen, Ideen und Inspiration. Kein E-Book, kein Onlinebuchhändler, keine schnelle Information über Wikipedia kann diese Erlebniswelt ersetzen.
1 comment März 15, 2009
Empfehlung für Manager: „Drücke dich schlicht aus“, dann läuft die Wirtschaft besser
Nach Erfahrungen des Managementexperten und FAZ-Autors Erhard Glogowski verarmt die deutsche Muttersprache durch gedankenlose Verwendung von Anglizismen, fehlerhafte Grammatik und Unkenntnis des reichen Wortschatzes. „Dabei ist es nicht kompliziert, die Sprachkultur zu verbessern. Zur Kunst des geschmeidigen Redens haben die Meister der deutschen Sprache prägnante Regeln formuliert“, weiß Glogowski. Die Sprachverwilderung habe sich besonders in der Unternehmenswelt ausgebreitet. Wenn Manager im Ausland unterwegs seien auf der Suche nach neuen Märkten, handele es sich nicht um eine Erkundungsreise, sondern um eine „fact finding mission“. An den Börsen werde „getradet“ statt wie einst gehandelt. Unternehmensbilanzen wurden früher von Analysten durchleuchtet, jetzt werden sie „gescreent“.
„Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken“, so Glogowski. Seine Empfehlung lautet daher: „Drücke dich schlicht aus!“ Die Kunst der Rede bestehe seit der Antike darin, seine Zuhörer durch einfache Worte zu fesseln. So beruhte Luthers Wortgewalt auf der Einfachheit des Ausdrucks. „Alle Prediger sollen sich gewöhnen, dass sie schlicht und einfältig predigen, und sollen bei sich bedenken, dass sie jungen, unverständigen Leuten predigen. Einfältig zu predigen ist eine große Kunst. Man muss nicht predigen und tapfer mit großen Worten prächtig und kunstreich herfahren, dass man sehe, wie man gelehrt sei.“
Knapper bringt es Schopenhauer auf den Punkt: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ Man solle den Hörer zügig, aber nicht abrupt mit den Kernaussagen vertraut machen, rät Schopenhauer. „Demgemäss vermeide man Weitschweifigkeit und alles Einflechten unbedeutender, der Mühe des Lesens nicht lohnender Bemerkungen“. Man müsse sparsam mit der Zeit, Anstrengung und Geduld des Menschen umgehen. Dadurch werde man bei ihm sich den Kredit erhalten; immer noch besser, etwas Gutes wegzulassen, als etwas Nichtssagendes hinzusetzen. Für geschmeidiges Reden gibt es kein Patentrezept, aber eine von den Meistern der deutschen Sprache empfohlene Grundregel: Lasse Dich nicht gehen und feile am Stil. Dazu nehme man wiederum Nietzsche als Vorbild: „Den Stil verbessern – das heißt den Gedanken verbessern und gar nichts weiter!“
Add comment Februar 12, 2009








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